x|periences über schwierige Voraussetzungen für die Versorgung mit lebenswichtigen Hilfsgütern und falsche Erwartungen an die Helfer.
Am 12. Januar ist für die Bewohner Haitis die Welt, wie sie sie kannten, untergegangen. Bei einem heftigen Erdbeben starben mehr als 220.000 Menschen, Häuser und Infrastruktur wurden zerstört, rund 1,6 Millionen Überlebende sind seither obdachlos. Umgehend lief weltweit die Hilfe für die Karibikinsel an. Jedoch unter Schwierigkeiten: Die Verteilung von Trinkwasser, Lebensmitteln und Medikamenten erwies sich als große Herausforderung. Die Caritas vermeldete, die logistischen Probleme seinen größer als nach dem Tsunami im Jahr 2004.
Keine Katastrophe wie die andere
In der Folge wurden nicht zuletzt auch in verschiedenen Medien kritische Stimmen laut, die die Vorgehensweise der internationalen Hilfsorganisationen, der UNO und US-Armee bemängelten. Diese müssten doch über die Erfahrung respektive konkrete Versorgungskonzepte verfügen, um ad hoc eine funktionierende Katastrophenlogistik auf die Beine stellen zu können, so der Tenor. Eine Erwartungshaltung, die jedoch zu hoch gegriffen ist. "Keine Katastrophe ist wie die andere", gibt x|vise-Consultant Gerald Wolf zu bedenken. Es sei deshalb zwar möglich, gewisse logistische Teilprozesse zu standardisieren, aber niemals den Gesamtprozess.
Verschiedenste Einflussfaktoren kommen in der Katasrophenlogistik zum Tragen - infrastrukturelle, organisatorische und letztlich auch menschliche. So machen Naturgewalten auch vor See- und Flughäfen nicht halt, den neuralgischen Punkten, um Hilfsgüter ins Land zu bringen. Bei Transporten auf dem Landweg stellt sich die Frage, ob Straßen und Brücken noch intakt sind beziehungsweise ob letztere den schweren Fahrzeugen überhaupt standhalten. "Im konkreten Fall konnten aus Kapazitätsgründen keine Frachtflugzeuge auf dem Airport Port-au-Prince landen", berichtet Wolf. Kurzerhand sei dann der Airport Santo Domingo in der Dominikanischen Republik zum Drehkreuz für die Hilfslieferung geworden - 15 LKW-Stunden von Haitis Hauptstadt entfernt.
Eine weitere Schwierigkeit ist die für die Koordination notwendige Kommunikation. Auch können Hilfsorganisationen vor Ort nicht immer auf die volle Unterstützung der Regierung oder lokaler Institutionen zählen, da diese - wie im Fall Haiti - oft selbst hart getroffen wurden. Schließlich führen die widrigen Umstände häufig zu Unruhe in der Bevölkerung, die sich in ihrer größten Not im Stich gelassen fühlt.
Menschen im Mittelpunkt
"Im Detail kann man sich auf all diese Eventualitäten niemals einstellen", sagt der Logistikberater, "und um umfassende, auf all die Anforderungen angepasste Logistikkonzepte unter Kostenberücksichtigung auszuarbeiten, dazu fehlt schlichtweg die Zeit." Angesichts dessen hinkt der Vergleich zwischen Katastrophenlogistik und betrieblicher Logistik etwas. Denn bei der Ausarbeitung von Logistikkonzepten für Unternehmen liegen Erfahrungswerte aus anderen Branchen oder Firmen vor, auf die sich aufbauen lässt. "Nicht zu vergessen ist der Austausch mit dem Kunden. Dieses Miteinander stellt einen wesentlichen Erfolgsfaktor bei der Planung dar - und fällt bei Katastrophen nahezu komplett weg."
Eins steht außer Frage: Oberstes Ziel der Logistik in Notsituationen wie in Haiti muss sein, so rasch wie möglich und so viele Menschen wie möglich zu versorgen. In einem ersten Schritt, indem eine strategische Entscheidung für ein Verteilzentrum getroffen wird. In weiterer Folge durch die Sicherstellung einer gerechten und vor allem friedlichen Ausgabe der Hilfsgüter. "Dabei wertvolle Zeit zu verlieren, um die dringend benötigten Verteilungsprozesse auch noch im Detail kostenoptimiert zu gestalten, könnte fatal enden", resümiert Wolf. "Kosten sind durchaus ein wichtiges Thema, in solchen Fällen jedoch zweitrangig."
zurück zu den x|periences vom 17.02.2010